Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – neue Ansichten des Unter- / Bergschloss „Oberpoltringen“

Von 1603 bis ca. 1790 besaß Poltringen zwei Schlösser. Das an der Ammer liegende Wasserschloss und das auf der Anhöhe oberhalb des Gasthofes „Adler“ stehende sogenannte evang. Bergschloss, Unterschloss oder Schloss Oberpoltringen.

Die einzige bisher bekannte und wohl relativ realistische Zeichnung des Schlosses aus dem „Forstlagerbuch“ von Andreas Kieser von 1683 ist u.a. im Artikel „Bergschloss Oberpoltringen“ in Ammerbuch Aktuell“ vom 30.08.18 oder auch in Wikipedia zu sehen.

Nun konnte eine weitere Ansicht in einer Karte aus dem Zeitraum von 1700-1750 im Staatsarchiv Sigmaringen gefunden werden. Sie zeigt „Bolttring“ mit St. Stephanus-Kirche (aber ohne Kloster, das letztmalig 1680 erwähnt ist, und ohne die St. Klemens-Kirche im Ort), aber mit „Oberschloß“ (Wasserschloss) und „Underschloß“ (Bergschloss).

Das Wasserschloss zeigt aber nicht die damals wie heute bestehende Viereckform um einen Innenhof, sondern ist als ein längerer, schmalerer Bau und auch rechts der Straße nach Reusten dargestellt. Auch das Bergschloss hat mit zwei hohen Ecktürmen rechts und links an der Stirnseite eine andere Form, wie die Kiesersche Zeichnung mit nur zwei kleineren Ecktürmen an der Hinterseite ausweist. Diese Gestalt mit zwei hohen Ecktürmen weist das Bergschloss auch in einer Karte um 1750 auf (Karte über Forst- und Jagdgrenzen am Rötenberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, B 33 Bü 102 a Nr. 78).

Wer hierzu vertiefende Informationen beitragen kann (z.B. weitere Bilder / Zeichnungen / Beschreibungen des Bergschlosses besitzt oder kennt?) oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Ortsgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Das Poltringer Kloster

Poltringen war lange Jahrhunderte kirchlicher Zentralort für seinen Umkreis und hatte eine erheblich größere Bedeutung als heute. Dies zeigt seine kirchliche Infrastruktur mit zwei Kirchen, zeitweise einer Kapelle im Wasserschloss sowie den (vor allem kirchlichen) Rechten, die Poltringen in Oberndorf, Wendelsheim, Reusten und den zwei abgegangen Weilern Röschenhofen (zwischen Oberndorf und Reusten) und Tüllisbronn (zwischen Reusten und Entringen) innehatte. Dies unterstreicht nicht nur die besondere Lage der St. Stephanus-Kirche mit der Steinbrücke über die Ammer, sondern auch, dass es dort über 200 Jahre lang ein Kloster gegeben hatte. Poltringen (teilweise vor Jahrhunderten auch „Oberkirch“ oder „Oberkilch“ genannt) gilt daher auch als eine der ältesten und ersten Pfarreien der Umgebung.

Poltringen (Bolderingen) mit „Oberkirch“ St. Stephan (interessanterweise ohne Tal- und damals noch bestehendem Bergschloss), sogenannten Stirlinschen Karte von 1705 „Ritterschaftliche freie Pürsch in Schwaben am Neckar und Schwarzwald“, Staatsarchiv Sigmaringen

An der Pfarrkirche St. Stephanus bestand ein erstmals 1423 genannter, aber wohl einiges älterer, Konvent von wohl nicht mehr wie 5-10 Franziskaner-Terziarinnen, der 1647 im Dreißigjährigen Krieg von schwedische Truppen zerstört wurde. Bevor das Kloster abbrannte, rettete ein Poltringer daraus eine Madonna aus dem 14. Jahrhundert. Fast vierhundert Jahre lang wurde sie in der Poltringer Familie Baur von Generation zu Generation vererbt. Heute steht sie in einem Seitenaltar der Kirche und stellt den einzigen Gegenstand dar, der das Kloster überdauert hat.

Obwohl anschließend wieder aufgebaut, stand die Klause seit 1665 leer und die Gebäude zerfielen (1680 bestanden sie aber noch). Leider gibt es bisher keine bekannte, genaue bildliche Darstellung des Klosters. Lediglich auf einer Karte von 1705 könnte sich erahnen lassen, dass das Kloster an die St. Stephanus-Kirche angebaut war. Auf späteren Karten im Zeitraum von 1705-1750 findet sich bisher kein Hinweis mehr auf das Kloster. Lediglich Gewannnamen wie „Nonnengärtchen“ (Teil des heutigen Friedhofs) oder „Nonnenweinberg“ (am Hang nördlich der St. Stephanus-Kirche) erinnern an das Kloster.

Leider waren bisher weder in regionalen, kirchlichen, staatlichen oder sogar dem österreichischen Staatsarchiv in Wien Spuren des Klosters zu finden.

Wer hierzu noch weitere vertiefende Informationen beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Die Bauopferurne von St. Klemens

Beim Bau einer Wasserleitung wurde 1928 westlich des Kirchturms von St. Klemens eine Urne mit ungeklärtem Inhalt gefunden. Sie hatte eine beachtliche Größe von 50 cm Höhe und 40 cm Breite und war mit Ornamenten geschmückt. Sie war gefüllt mit einer schwarzen, kohlartigen Humusschicht. Es könnte sich hier um Überreste von Salzbrot, Getreide oder eines Tierkörpers gehandelt haben. Die Urne datiert in das späte 14. oder wahrscheinlicher 15. Jahrhundert und von der Form her handelt es sich um ein großes Vorratsgefäß. Solche großen Vorratsgefäße mit aufgelegten, mit Fingereindrücken verzierten Verstärkungsleisten sind eher selten.

Bild des Landesdenkmalamtes Tübingen

Vielleicht war die Urne eine Bauopferurne, die beim Wiederaufbau der abgebrannten romanischen Kirche im Mittelalter eingebracht wurde, ein Schutzmittel im Volksglauben gegen Unglücke etc.. Das Gefäß könnte, was durchaus immer wieder bei mittelalterlichen Vorratsbehältern vorkommt, auch einfach ohne Bezug zu einem Gebäude oder Nutzung als Urne in den Boden eingegraben gewesen sein.

Leider ist nur noch das Bild der Urne erhalten. Die Urne selbst ist verschollen und auch der Inhalt wurde nicht naturwissenschaftlich untersucht. Neuere Nachforschungen beim Denkmalamt und der Universität Tübingen ergaben leider keine anderen Ergebnisse.

Wer hierzu noch weitere vertiefende Informationen beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Kriegsende 1945

Für Poltringen endete der 2. Weltkrieg zwölf Tage nach dem tödlichen Tieffliegerangriff vom 06.04.1945 am 19.04.1945 um 10 Uhr. Für ganz Deutschland erst 19 Tage später. Von Reusten her rückte eine Kompanie französischer Kolonialtruppen aus Marokko in Poltringen ein, besetzte den Ort und beendete für Poltringen den Krieg.

Eine Panzersperre aus Balken auf Höhe der Schmalstelle am Amtshaus des Wasserschlosses wurde zum Glück in der Nacht davor beherzt von Wilhelm Gässler und Andreas Schmid, dem Vater des späteren Ortsvorstehers Meinrad Schmid, der wegen starker Kurzsichtigkeit nicht eingezogen worden war, mit einer Kuh entfernt und auf dem Schafstall am Ortseingang eine weiße Fahne gehisst. Wurden Panzersperren nicht beseitigt oder sogar verteidigt führte das normalerweise dazu, dass der Ort bis zur Aufgabe oder Zerstörung beschossen wurde.

Diese sehr mutige Aktion, die in anderen Orten (z.B. in Heilbronn) mit der Hinrichtungen der Beteiligten auch aus minderem Anlass endete, führte dazu, dass es keine Kampfhandlungen bei der Einnahme des Dorfes gab, nur zwei Personen verletzt wurde und alle Wohngebäude unbeschädigt blieben. Zudem war in der Nacht auch der zur Verteidigung der Panzersperre abgestellte Volkssturm aus ca. 20 alten Männern und Jugendlichen, der in der Bizenbergerschen Scheune lagerte, abgezogen.

Trotzdem erlitten die etwa 600 Einwohner (davon über 60 Fremd- und Zwangsarbeiter sowie französische Kriegsgefangene) dann in den nächsten Tagen Übergriffe, Plünderungen, Requirierungen und mindestens 12 Vergewaltigungen (im gesamten Landkreis schätzt man – vorsichtig – bis zu 2.000 Vergewaltigungen durch hauptsächlich nordafrikanische Soldaten, z.B. in Talheim drei Viertel aller Frauen) bis die Truppen Ende April den Ort wieder verließen. Die Fremd- und Zwangsarbeiter sowie französischen Kriegsgefangenen waren an Übergriffen aber nicht beteiligt und schützen in manchen Fällen Familien vor Übergriffen, was für ihre gute Behandlung im Ort spricht. Es wurden lediglich NSDAP Mitglieder und einzelne Personen, die diese schlecht behandelt hatten, angezeigt.

Die NSDAP Mitglieder mussten dann später auch die am Hailfinger Flugfeld und KZ Außenlager in Massengräbern verscharrten jüdischen Zwangsarbeiter (es starben in den 3,5 Monaten der Nutzung des Lagers für diese Gruppe zwei Drittel der etwa 600 Inhaftierten; über 200 Leichen liegen dort heute noch in unentdeckten Massengräbern) exhumieren und wurden dabei teils von ihren Bewachern aus Entsetzen und Rache schwer misshandelt (zwei Nicht-Poltringer kamen dabei sogar ums Leben). Poltringen in dieser Zeit durchziehende Kolonnen deutscher Kriegsgefangener durften nicht verpflegt werden. Fast 150 Poltringer Männer waren zu diesem Zeitpunkt eingezogen, wovon etwa ein Drittel fiel oder vermisst blieb. D.h. es blieb fast jeder zehnte Einwohner und fast jeder vierte erwachsene Mann in Poltringen im Krieg.

Weitere Informationen, neben den Zeitzeugenbericht von Meinrad Schmid, sowie Dokumentationen des KZ Außenlagers, die für diesen Artikel genutzt wurden, sind in „Einmarsch, Umsturz, Befreiung – Das Kriegsende im Landkreis Tübingen Frühjahr 1945“ von Dr. Sannwald (Hrsg.), 1995, Verlag Schwäbisches Tagblatt, zu finden.

Wer hier vertiefende Informationen beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de) oder am 16.04.2019 um 18 Uhr in die Palmberghütte zu unserem Thementreffen „Kriegsende“ kommen und Fotos und Erlebnisberichte mitbringen.

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Wie Poltringen fast an der Landebahn des Flughafens Stuttgart II gelegen hätte

Da man in der Landesregierung die Kapazitäten des Flughafens Stuttgart-Echterdingen bis 1980 sich erschöpfen sah, ließ man im Jahre 1970 / 71 ein Gutachten zu möglichen Alternativstandorten für einen Großflughafen anfertigen.

Hierbei ergaben sich 4 mögliche Standorte (Katharinentaler Hof bei Pforzheim, Walddorf im Schönbuch, Mönsheim und Hailfingen) mit Präferenz auf Mönsheim und Hailfingen.

Die Ortschaft Hailfingen wäre dabei mit dem Flughafenterminal komplett überbaut und ausgelöscht worden sowie von der Ammertalbahn bei Pfäffingen abzweigend hätte es Bahnlinie an Poltringen vorbei über das Terminal bis nach Bondorf und die Gäubahn gegeben. Die südliche und längere der beiden Landebahnen hätte zwischen Reusten und Oberndorf auf der Anhöhe über Poltringen geendet.

Da aber auch vieles für den Ausbau in Stuttgart-Echterdingen sprach, wurde letztendlich dort der Ausbau vorangetrieben und Poltringen „entging“ ein internationaler Großflughafen vor der Haustür.

Natürlich hätte es seinen Reiz gehabt von der S-Bahn-Haltestelle „Poltringen“ in 2 min. am Flughafen „Stuttgart II“ zu sein, aber man mag sich nicht die negativen Folgen für Poltringen und das Ammertal ausdenken (z.B. Fluglärm, Verkehrsaufkommen, Zersiedelung, Industrialisierung, Umweltverschmutzung), wenn es direkt an der Poltringer Gemarkung angrenzend einen Großflughafen gegeben hätte, direkt hinter Reusten ein Autobahnkreuz zwischen A 81 neu und einer vierspurigen B 28 neu und auf der Höhe zwischen Oberndorf und Reusten direkt über der St. Stephanus-Kirche einfliegend im Minutentakt landende und startende Flugzeuge.

Planungskarte Flughafen Stuttgart II, Gutachten Prof. Leutzbach, Kartenteil, Karte 52,1971, Kreisarchiv Tübingen

Planungskarte Flughafen Stuttgart II, Gutachten Prof. Leutzbach, Kartenteil, Karte 52,1971, Kreisarchiv Tübingen

 

Wer hierzu vertiefende Informationen beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Wie Poltringen fast direkt an der Bundesstaße gelegen hätte

B28Um die B 28 für den wachsenden Verkehr kreuzungsfrei zu ertüchtigen gab es schon in den 50/60er Jahren Pläne den Verlauf der B 28 zu ändern und ortsumgehend neu zu bauen. Dabei gab es den Plan auf Höhe Breitenholz von der damaligen Trasse der B 28 abzubiegen, diese südlich hinter Entringen, östlich an Poltringen vorbei und hinter Pfäffingen westlich von Wurmlingen zur jetzigen Trasse der B 28 im Neckartal zu führen. (Bildunterschrift: Planungskarte B 28 neu, ohne Jahreszahl, Ortsarchiv Poltringen, Kartenstapel)

Den Unterjesinger Stau betrachtend wäre das heute sicher eine reizvolle Streckenführung, aber man mag sich nicht die negativen Folgen für Poltringen und das Ammertal ausdenken (z.B. Verkehrslärm, Wasserwerk, Aussicht), wenn direkt parallel zum Pfalzgrafenring am Käsbachknie die Bundesstraße, ggf. sogar vierspurig, verlaufen würde.

Wer hierzu vertiefende Informationen beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Wie hat Poltringen früher gewählt?

Da es erst in der Weimarer Republik ab 1918 ein allgemeines, freies, gleiches, unmittelbares und geheimes Wahlrecht gab, wird hier nur der Zeitraum ab 1918 betrachtet. Vorher durften nicht wählen:

  • alle Frauen,
  • wer keine Grundsteuern zahlte (das galt für die meisten Bürger)
  • und wer nicht mindestens 25 Jahre alt war

D. h. wahlberechtigt waren vor 1918 damit nur ca. 20% der Bevölkerung.

Zwischen 1918 und 1933 wählte Poltringen bei den Reichstagswahlen stabil zu über 70 / 80% das bürgerlich-konservative (katholische) Zentrum. Bei der letzten freien Wahl vor dem Kriegsende, der Reichstagswahl 05.03.1933, war in Poltringen weiterhin die Zentrums-Partei mit über 60% Wahlsieger; die anderen (rechten, linken oder liberalen) Parteien konnten hier immer noch relativ wenig Stimmen erlangen, obwohl es sonst im Parteienspektrum in den Jahren davor anderorts gravierende Umschichtungen gab. Im Unterschied zum generellen Trend lag auch die NSDAP nur bei 37% (im benachbarten Reusten hatte die NSDAP zeitgleich mit 86% ihr bestes Ergebnis im gesamten Oberamt Herrenberg, das Durchschnitt von 58% NSDAP Stimmen hatte, im Land waren dies 42% und reichsweit 44%). In Poltringen überwog damit weiter überdurchschnittlich die katholische Prägung gegenüber der nationalistischen Orientierung (u.a. aus der Promotion „Die Entwicklung der Parteien in Herrenberg 1918 – 1933“ von Rafael Binkowski, 2007, und „Politische Räume im Landkreis Tübingen während der Weimarer Republik“ von Wolfgang Sannwald in „Tubingensia – Impulse zur Stadt- und Universitätsgeschichte“, 2008).

Bei den Bundestagswahlen nach dem Krieg von 1949 bis 1971 ergaben sich folgende, wieder stabil weit mehrheitlich bei der früher christlich-konservativen CDU liegenden, an die Vorkriegstradition anknüpfenden, Zweitstimmenanteile für Poltringen (nur Ergebnisse über 5%):

  • 1949 CDU 80,6%, SPD 9,4%, FDP 6,9%, Sonstige 3,1%
  • 1953 CDU 81,2%, SPD 7,7%, FDP 4,5%, Sonstige 6,6%
  • 1957 CDU 73,0%, SPD 11,8%, FDP 12,3%, Sonstige 2,9%
  • 1961 CDU 73,9%, SPD 14,1%, FDP 9,5%, Sonstige 2,5%
  • 1965 CDU 71,1%, SPD 18,4%, FDP 7,9%, Sonstige 2,7%
  • 1969 CDU 68,6%, SPD 23,1%, FDP 1,9%, NPD 5,7%, Sonstige 0,8%

Mit Gründung der Gemeinde Ammerbuch 1971 ging dann die Gemeinde Poltringen als Wahlbezirk in der neuen Gemeinde auf und zeigte in den Jahren von 1972-2017 folgende, weiter die CDU, wenn auch meist stetig abnehmend, als stärkste Partei aufzeigende, Wahlergebnisse (nur Ergebnisse über 5%):

  • 1972 CDU 63,7%, SPD 26,9%, FDP 6,5%, Sonstige 2,9%
  • 1976 CDU 69,6%, SPD 23,3%, FDP 5,8%, Sonstige 1,ó3%
  • 1980 CDU 66,0%, SPD 23,1%, FDP 8,3%, Sonstige 2,6%
  • 1983 CDU 45,9%, SPD 32,8%, FDP 11,3%, Grüne 9,4%, Sonstige 0,7%
  • 1987 CDU 52,6%, SPD 24,6%, FDP 10,0%, Grüne 11,0%, Sonstige 1,7%
  • 1990 CDU 47,8%, SPD 25,8%, FDP 9,6%, Grüne 9,3%, Sonstige 7,5%
  • 1994 CDU 42,0%, SPD 28,0%, FDP 9,0%, Grüne 13,7%, Sonstige 7,3%
  • 1998 CDU 37,2%, SPD 30,8%, FDP 7,6%, Grüne 13,1%, Sonstige 11,3%
  • 2002 CDU 32,2%, SPD 38,9%, FDP 6,5%, Grüne 17,9%, Sonstige 4,5%
  • 2005 CDU 39,4%, SPD 26,5%, FDP 12,0%, Grüne 14,0%, Sonstige 8,0%
  • 2009 CDU 34,0%, SPD 17,4%, FDP 18,5%, Grüne 18,5%, Linke 5,1%, Sonstige 6,5%
  • 2013 CDU 48,4%, SPD 17,1%, FDP 5,6%, Grüne 12,6%, Linke 6,3%, Sonstige 10,0%
  • 2017 CDU 36,0%, SPD 14,2%, FDP 12,5%, Grüne17,8%, AfD 9,0%, Linke 6,6%, Sonstige 3,9%.

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Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Wie Poltringen fast Ammerbuchs „Hauptstadt“ geworden wäre

Planskizze von 1995, mindestens in den 70er Jahren gab es ebenfalls einen Entwurf

Planskizze von 1995, mindestens in den 70er Jahren gab es ebenfalls einen Entwurf

Im Zuge der Gebietsreform ab 1968, die zu leistungsfähigeren Gemeinden führen sollte und die 1971 auch die Gründung von Ammerbuch (als erste neue Einheitsgemeinde im Landkreis Tübingen) erbrachte (für das als Gemeindenamen alternativ damals auch „Ammertal“, „Großammern“, „Ammern“ oder „Hardt“ in Diskussion war), war ebenfalls geplant an einem zentralen Standort in Ammerbuch alle zentralörtlichen Einrichtungen zusammenzuführen. Hierfür war zeitweise am nördlichen Rand von Poltringen bei den Sportgeländen und der PFC Halle eine umfangreiche Bebauung vorgesehen.

Grund für diese Entscheidung war auch die zentrale Lage Poltringens, da ja sogar zu Beginn der Gemeindereform geplant war, dass auch Unterjesingen und Oberndorf mit zu Ammerbuch gehören sollten, und dann Poltringen noch zentraler gelegen wäre. Was aufgrund der Lage (Unterjesingen liegt ja direkt bei Pfäffingen, aber weit von Tübingen; Oberndorf war geschichtlich seit seiner Gründung eng mit Poltringen verbunden und auch dort ist es weiter nach Rottenburg als nach Ammerbuch) auch durchaus Sinn gemacht hätte.

In einem FAZ Artikel vom 05.07.1975 (“Sechs Dörfer suchen eine Stadt – Kommunalentwicklung in der Provinz oder Ammerbuch wird doch kein schwäbisches Brasilia” von Sibylle Krause-Burger) über den Zusammenschlussprozess und die Planung der zentralörtlichen Einrichtungen wurde ein Poltringer zu den Vorteilen der Lage wie folgt zitiert: „….dort im landwirtschaftlich schlechtesten Grund wär´ der Weg von Pfäffingen net weit, von Entringen net weit, von Altingen und vom Wolfsberg, die könnet in de Hausschuh ronterlaufe und mir Poltringer au.”

Da sich der Einigungsprozess bezüglich Ammerbuch aber nicht ganz einfach gestaltete und hinzog (Details dazu: „Goldener Zügel und Abschlachtprämie“ von Dr. Wolfgang Sannwald, in „Persilschein, Käferkauf und Abschlachtprämie – Von Besatzern, Wirtschaftswunder und Reformen im Landkreis Tübingen“, S. 406 bis 414) und es von Rottenburg und Tübingen attraktive Avancen Richtung Unterjesingen (z.B. beheiztes Freibad) und Oberndorf gab, entschieden sich diese leider gegen Ammerbuch. Aber auch heute liegt der geografische (“kommunale“) Mittelpunkt der Rathäuser aller 6 Teilgemeinden auf Poltringer Gemarkung westlich des Flugfeldes (Details: https://ammerbuch.freiewaehler.de/infos-zu-ammerbuch/ammerbucher-mittelpunkt/). Auch ungefähr in dieser außerörtlichen Lage gab es einst Pläne die zentralörtlichen Einrichtungen anzusiedeln.

Die geplante Bebauung umfasste:

  • Rathaus
  • Kindergarten
  • Stadion
  • Festplatz
  • Sporthalle
  • Schwimmhalle
  • Haupt- und Förderschule
  • Realschule
  • und sogar ein Gymnasium

Zur Umsetzung der Pläne kam es dann aber nie, da 1997 ein Bürgerentscheid den dahingehenden Gemeinderatsbeschluß aufhob. Es votierten 60 Prozent der Wahlberechtigten gegen den Poltringer Standort. Nur die Poltringer selbst waren mehrheitlich dafür, Altingen, Breitenholz, Entringen, Pfäffingen und Reusten lehnten ab. So entwickelte sich die größte Ortschaft von Ammerbuch, Entringen, zur „Hauptstadt“ unserer Gemeinde und ist nun auch Standort der neuen Gemeinschaftsschule.

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Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Wie Poltringen fast einen Bahnhof bekommen hätte!

HWV AG - geplanter Poltringer BahnhofAls um die vorletzte Jahrhundertwende die Ammertalbahn geplant wurde (ca. 1890), war anfangs ein Streckenverlauf nicht über Entringen, sondern durch das Ammertal geplant. Dadurch hätte auch Poltringen einen eigenen Bahnhof bekommen. Dieser wäre heute am Ortsausgang Richtung Oberndorf im Winkel zwischen dem „Wendelsheimer Weg“, Engwiesenbach und der „Wasenbreite“ zu finden gewesen. Die weitere Bahnlinie wäre hinter der Clemenskirche parallel zur heutigen Aiblestraße und auf dem Ammerbegleitweg am Schloß und Stephanuskirche vorbei auf der südlichen Ammerseite bis Reusten verlaufen. (Bildunterschrift: Bahnlinienverlaufsplan von 1909 aus dem Stadtarchiv Tübingen)
Zudem gab es auch Pläne für eine Querverbindungsbahn ab Pfäffingen / Unterjesingen nach Rottenburg. Diese wurden aber nach Inbetriebnahme der Ammertalbahn 1910 nicht weiterverfolgt.
Wie kam es nun dazu, dass es nichts wurde mit dem Poltringer Bahnhof? Hierzu gibt es mehrere Thesen (aus „Angelokt – 100 Jahre Ammertalbahn im Landkreis Tübingen“ von Dr. Wolfgang Sannwald, Hg., 2009):
1) In Poltringen setzte sich besonders Schultheiß Schmid für den Bau der Bahn durch die Gemeinde ein. Als verhängnisvoll erwies sich jedoch, dass der Bahnhof auf einem Acker stehen sollte, der dem Schultheißen selbst gehörte. Einige „Hetzer, Schreier und Neider“ brachten einen großen Teil der Bürgerschaft gegen Schmid auf: „der Dicksack will nur seinen Acker teuer verkaufen“ und sei deshalb aus Eigennutz für den Bahnbau. Aus kommunalpolitschen Gründen verzichteten die Poltringer im Zuge dieser sachfremden Debatte auf den unmittelbaren Bahnanschluss. Erst am Eröffnungstag sahen sie, „welch großer Vorteil ihnen für ewige Zeiten entgangen ist“.
2) Eine zweite These sieht wirtschaftliche Gründe für die Streckenänderung, da mit dem Streckenverlauf über Entringen Holz aus dem Schönbuch und vor allem Gips aus dem Gipswerk als Frachtgüter die Rentabilität der Ammertalbahn damals positiv beeinflussten. Zudem war schon damals Entringen größer als Reusten und Poltringen zusammen und bot das größere Fahrgastpotential.
3) Eine weitere These besagt, dass die für das Ammertal zuständigen Landtagsabgeordneten, die auf Hohenentringen bzw. Schloss Roseck lebten und im zweiteren Fall mit einer Frau aus Breitenholz verheiratet waren, persönliche Interessen bezüglich eines Streckenverlaufs über Entringen hatten.
4) Zudem muss man auch sehen, dass ein Bahnbau auf der eigenen Gemarkung hohe Kosten für die jeweilige Gemeinde bedeutete (z.B. kostenlose Landabgabe für Gleiskörper und Bahnhofsgelände, Geldzuschüsse sowie Gestellung Betriebswasser) bei Unklarheit, ob sich diese Investition zukünftig auch lohnt. Poltringen war ja keine wohlhabende Gemeinde und hatte sich mit dem Kauf des Schlossgutes einige Jahre davor (1890) verschuldet.
5) Des Weiteren befürchtete man in dem rein landwirtschaftlich geprägten Dorf mit einem Bahnanschluss und etwaigen größeren Industrie- und Gewerbeansiedlungen, die ja dann auch in Pfäffingen erfolgten, sowie der damit möglichen größeren Mobilität nach und aus Poltringen heraus negative „moralische Einflüsse“ u.a. auf die Dorfjugend.

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Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Zwangsarbeiter
„Während des Krieges waren im Steinbruch in Reusten jüdische bzw. ausländische Zwangsarbeiter beschäftigt gewesen. Es war bekannt, dass diese Juden sehr schwer arbeiten mussten und ganz wenig zu essen bekamen. Daher beschlossen einige Frauen aus Poltringen den Juden etwas zum Essen zu bringen. Das war streng verboten und konnte laut Aussage eines NSDAP-Funktionärs „den Kopf kosten“.
Die Frauen haben sich dann ausgedacht, Vesperbrote zu richten. Diese wurden in Zeitungspapier verpackt und Sonntagnachmittags gingen die Frauen mit ihren Kindern spazieren nach Reusten. Die Kinder mussten dann im Steinbruch „Verstecken“ spielen und bei dieser Gelegenheit die Vesperbrote ablegen. Man musste aber schwer aufpassen, dass man nicht erwischt wurde.“
Aufgezeichnet von Hanne Baur geb. Vogelmann, damals wohnhaft Poltringen, Hauptstraße 28.

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – erste topografische Landkarte Poltringens von 1819
HWV AG - erste Karte PoltringensDie erste detailgetreue und realistische Landkartenabbildung Poltringens gab es erst 1819 (siehe unten). Anlass dafür war die „Württembergische Landesvermessung“, im Zuge deren erstmals von 1818 bis 1840 im Königreich Württemberg eine genaue Vermessung und Kartierung des Landes durchgeführt wurde.
Diese war notwendig, da sich durch die Umwälzungen der napoleonischen Zeit das 1806 zum Königreich erhobene Land Württemberg sich etwa auf das Doppelte der Fläche vergrößerte. Entsprechend der Vielzahl früherer Herrschaften gab es in den verschiedenen Landesteilen in Umfang, Aufbau und Genauigkeit höchst unterschiedliche Grundstücksverzeichnisse.
Diese – zumeist als Güter-, Lager- oder Steuerbücher bezeichnet – erfüllten zwei Zwecke: Einerseits dienten sie, als Vorläufer des heutigen Grundbuchs, dazu, alle mit den Grundstücken verknüpften Rechtsgeschäfte (Verkauf, Verpfändung, Grunddienstbarkeiten) einzutragen, andererseits bildeten sie ein wichtiges Hilfsmittel für die Erhebung der Grundsteuer. Um die Steuer nicht willkürlich, sondern nach einem nachvollziehbaren System, beruhend auf Größe, Nutzung und Ertragswert der Grundstücke, festsetzen zu können, mussten die Bücher vereinheitlicht und alle Flächen genau vermessen werden.
Die wissenschaftliche Leitung der Landesvermessung übernahm der Tübinger Professor Johann Gottlieb Friedrich von Bohnenberger. Nullpunkt des württembergischen Koordinatensystems war auch daher das Observatorium im Nordostturm von Schloss Hohentübingen.
Dabei waren durchschnittlich 90, insgesamt 500 Geometer im Auftrag des königlichen „Statistisch-topographischen Bureaus“ beschäftigt. Die Gesamtkosten der 22 Jahre dauernden Landesvermessung betrugen 3.820.000 Gulden, was rund 40 Prozent eines seinerzeitigen Jahresetats des Staates entsprach. D.h. man machte hier eine riesige Investition.
Auf der Karten von Poltringen sieht man z.B. dass der Ort viel kleiner wie heute war, bei der Klemenskirche und der heutigen Rathauskreuzung Richtung Schloss endete und es im Ort keine Ammerbrücke, sondern nur einen Fußgängersteg gab.

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Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter