Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Wie Poltringen fast Ammerbuchs „Hauptstadt“ geworden wäre

Planskizze von 1995, mindestens in den 70er Jahren gab es ebenfalls einen Entwurf

Planskizze von 1995, mindestens in den 70er Jahren gab es ebenfalls einen Entwurf

Im Zuge der Gebietsreform ab 1968, die zu leistungsfähigeren Gemeinden führen sollte und die 1971 auch die Gründung von Ammerbuch (als erste neue Einheitsgemeinde im Landkreis Tübingen) erbrachte (für das als Gemeindenamen alternativ damals auch „Ammertal“, „Großammern“, „Ammern“ oder „Hardt“ in Diskussion war), war ebenfalls geplant an einem zentralen Standort in Ammerbuch alle zentralörtlichen Einrichtungen zusammenzuführen. Hierfür war zeitweise am nördlichen Rand von Poltringen bei den Sportgeländen und der PFC Halle eine umfangreiche Bebauung vorgesehen.

Grund für diese Entscheidung war auch die zentrale Lage Poltringens, da ja sogar zu Beginn der Gemeindereform geplant war, dass auch Unterjesingen und Oberndorf mit zu Ammerbuch gehören sollten, und dann Poltringen noch zentraler gelegen wäre. Was aufgrund der Lage (Unterjesingen liegt ja direkt bei Pfäffingen, aber weit von Tübingen; Oberndorf war geschichtlich seit seiner Gründung eng mit Poltringen verbunden und auch dort ist es weiter nach Rottenburg als nach Ammerbuch) auch durchaus Sinn gemacht hätte.

In einem FAZ Artikel vom 05.07.1975 (“Sechs Dörfer suchen eine Stadt – Kommunalentwicklung in der Provinz oder Ammerbuch wird doch kein schwäbisches Brasilia” von Sibylle Krause-Burger) über den Zusammenschlussprozess und die Planung der zentralörtlichen Einrichtungen wurde ein Poltringer zu den Vorteilen der Lage wie folgt zitiert: „….dort im landwirtschaftlich schlechtesten Grund wär´ der Weg von Pfäffingen net weit, von Entringen net weit, von Altingen und vom Wolfsberg, die könnet in de Hausschuh ronterlaufe und mir Poltringer au.”

Da sich der Einigungsprozess bezüglich Ammerbuch aber nicht ganz einfach gestaltete und hinzog (Details dazu: „Goldener Zügel und Abschlachtprämie“ von Dr. Wolfgang Sannwald, in „Persilschein, Käferkauf und Abschlachtprämie – Von Besatzern, Wirtschaftswunder und Reformen im Landkreis Tübingen“, S. 406 bis 414) und es von Rottenburg und Tübingen attraktive Avancen Richtung Unterjesingen (z.B. beheiztes Freibad) und Oberndorf gab, entschieden sich diese leider gegen Ammerbuch. Aber auch heute liegt der geografische (“kommunale“) Mittelpunkt der Rathäuser aller 6 Teilgemeinden auf Poltringer Gemarkung westlich des Flugfeldes (Details: https://ammerbuch.freiewaehler.de/infos-zu-ammerbuch/ammerbucher-mittelpunkt/). Auch ungefähr in dieser außerörtlichen Lage gab es einst Pläne die zentralörtlichen Einrichtungen anzusiedeln.

Die geplante Bebauung umfasste:

  • Rathaus
  • Kindergarten
  • Stadion
  • Festplatz
  • Sporthalle
  • Schwimmhalle
  • Haupt- und Förderschule
  • Realschule
  • und sogar ein Gymnasium

Zur Umsetzung der Pläne kam es dann aber nie, da 1997 ein Bürgerentscheid den dahingehenden Gemeinderatsbeschluß aufhob. Es votierten 60 Prozent der Wahlberechtigten gegen den Poltringer Standort. Nur die Poltringer selbst waren mehrheitlich dafür, Altingen, Breitenholz, Entringen, Pfäffingen und Reusten lehnten ab. So entwickelte sich die größte Ortschaft von Ammerbuch, Entringen, zur „Hauptstadt“ unserer Gemeinde und ist nun auch Standort der neuen Gemeinschaftsschule.

Wer hierzu noch weitere vertiefende Informationen beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Wie Poltringen fast einen Bahnhof bekommen hätte!

HWV AG - geplanter Poltringer BahnhofAls um die vorletzte Jahrhundertwende die Ammertalbahn geplant wurde (ca. 1890), war anfangs ein Streckenverlauf nicht über Entringen, sondern durch das Ammertal geplant. Dadurch hätte auch Poltringen einen eigenen Bahnhof bekommen. Dieser wäre heute am Ortsausgang Richtung Oberndorf im Winkel zwischen dem „Wendelsheimer Weg“, Engwiesenbach und der „Wasenbreite“ zu finden gewesen. Die weitere Bahnlinie wäre hinter der Clemenskirche parallel zur heutigen Aiblestraße und auf dem Ammerbegleitweg am Schloß und Stephanuskirche vorbei auf der südlichen Ammerseite bis Reusten verlaufen. (Bildunterschrift: Bahnlinienverlaufsplan von 1909 aus dem Stadtarchiv Tübingen)
Zudem gab es auch Pläne für eine Querverbindungsbahn ab Pfäffingen / Unterjesingen nach Rottenburg. Diese wurden aber nach Inbetriebnahme der Ammertalbahn 1910 nicht weiterverfolgt.
Wie kam es nun dazu, dass es nichts wurde mit dem Poltringer Bahnhof? Hierzu gibt es mehrere Thesen (aus „Angelokt – 100 Jahre Ammertalbahn im Landkreis Tübingen“ von Dr. Wolfgang Sannwald, Hg., 2009):
1) In Poltringen setzte sich besonders Schultheiß Schmid für den Bau der Bahn durch die Gemeinde ein. Als verhängnisvoll erwies sich jedoch, dass der Bahnhof auf einem Acker stehen sollte, der dem Schultheißen selbst gehörte. Einige „Hetzer, Schreier und Neider“ brachten einen großen Teil der Bürgerschaft gegen Schmid auf: „der Dicksack will nur seinen Acker teuer verkaufen“ und sei deshalb aus Eigennutz für den Bahnbau. Aus kommunalpolitschen Gründen verzichteten die Poltringer im Zuge dieser sachfremden Debatte auf den unmittelbaren Bahnanschluss. Erst am Eröffnungstag sahen sie, „welch großer Vorteil ihnen für ewige Zeiten entgangen ist“.
2) Eine zweite These sieht wirtschaftliche Gründe für die Streckenänderung, da mit dem Streckenverlauf über Entringen Holz aus dem Schönbuch und vor allem Gips aus dem Gipswerk als Frachtgüter die Rentabilität der Ammertalbahn damals positiv beeinflussten. Zudem war schon damals Entringen größer als Reusten und Poltringen zusammen und bot das größere Fahrgastpotential.
3) Eine weitere These besagt, dass die für das Ammertal zuständigen Landtagsabgeordneten, die auf Hohenentringen bzw. Schloss Roseck lebten und im zweiteren Fall mit einer Frau aus Breitenholz verheiratet waren, persönliche Interessen bezüglich eines Streckenverlaufs über Entringen hatten.
4) Zudem muss man auch sehen, dass ein Bahnbau auf der eigenen Gemarkung hohe Kosten für die jeweilige Gemeinde bedeutete (z.B. kostenlose Landabgabe für Gleiskörper und Bahnhofsgelände, Geldzuschüsse sowie Gestellung Betriebswasser) bei Unklarheit, ob sich diese Investition zukünftig auch lohnt. Poltringen war ja keine wohlhabende Gemeinde und hatte sich mit dem Kauf des Schlossgutes einige Jahre davor (1890) verschuldet.
5) Des Weiteren befürchtete man in dem rein landwirtschaftlich geprägten Dorf mit einem Bahnanschluss und etwaigen größeren Industrie- und Gewerbeansiedlungen, die ja dann auch in Pfäffingen erfolgten, sowie der damit möglichen größeren Mobilität nach und aus Poltringen heraus negative „moralische Einflüsse“ u.a. auf die Dorfjugend.

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Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Zwangsarbeiter
„Während des Krieges waren im Steinbruch in Reusten jüdische bzw. ausländische Zwangsarbeiter beschäftigt gewesen. Es war bekannt, dass diese Juden sehr schwer arbeiten mussten und ganz wenig zu essen bekamen. Daher beschlossen einige Frauen aus Poltringen den Juden etwas zum Essen zu bringen. Das war streng verboten und konnte laut Aussage eines NSDAP-Funktionärs „den Kopf kosten“.
Die Frauen haben sich dann ausgedacht, Vesperbrote zu richten. Diese wurden in Zeitungspapier verpackt und Sonntagnachmittags gingen die Frauen mit ihren Kindern spazieren nach Reusten. Die Kinder mussten dann im Steinbruch „Verstecken“ spielen und bei dieser Gelegenheit die Vesperbrote ablegen. Man musste aber schwer aufpassen, dass man nicht erwischt wurde.“
Aufgezeichnet von Hanne Baur geb. Vogelmann, damals wohnhaft Poltringen, Hauptstraße 28.

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – erste topografische Landkarte Poltringens von 1819
HWV AG - erste Karte PoltringensDie erste detailgetreue und realistische Landkartenabbildung Poltringens gab es erst 1819 (siehe unten). Anlass dafür war die „Württembergische Landesvermessung“, im Zuge deren erstmals von 1818 bis 1840 im Königreich Württemberg eine genaue Vermessung und Kartierung des Landes durchgeführt wurde.
Diese war notwendig, da sich durch die Umwälzungen der napoleonischen Zeit das 1806 zum Königreich erhobene Land Württemberg sich etwa auf das Doppelte der Fläche vergrößerte. Entsprechend der Vielzahl früherer Herrschaften gab es in den verschiedenen Landesteilen in Umfang, Aufbau und Genauigkeit höchst unterschiedliche Grundstücksverzeichnisse.
Diese – zumeist als Güter-, Lager- oder Steuerbücher bezeichnet – erfüllten zwei Zwecke: Einerseits dienten sie, als Vorläufer des heutigen Grundbuchs, dazu, alle mit den Grundstücken verknüpften Rechtsgeschäfte (Verkauf, Verpfändung, Grunddienstbarkeiten) einzutragen, andererseits bildeten sie ein wichtiges Hilfsmittel für die Erhebung der Grundsteuer. Um die Steuer nicht willkürlich, sondern nach einem nachvollziehbaren System, beruhend auf Größe, Nutzung und Ertragswert der Grundstücke, festsetzen zu können, mussten die Bücher vereinheitlicht und alle Flächen genau vermessen werden.
Die wissenschaftliche Leitung der Landesvermessung übernahm der Tübinger Professor Johann Gottlieb Friedrich von Bohnenberger. Nullpunkt des württembergischen Koordinatensystems war auch daher das Observatorium im Nordostturm von Schloss Hohentübingen.
Dabei waren durchschnittlich 90, insgesamt 500 Geometer im Auftrag des königlichen „Statistisch-topographischen Bureaus“ beschäftigt. Die Gesamtkosten der 22 Jahre dauernden Landesvermessung betrugen 3.820.000 Gulden, was rund 40 Prozent eines seinerzeitigen Jahresetats des Staates entsprach. D.h. man machte hier eine riesige Investition.
Auf der Karten von Poltringen sieht man z.B. dass der Ort viel kleiner wie heute war, bei der Klemenskirche und der heutigen Rathauskreuzung Richtung Schloss endete und es im Ort keine Ammerbrücke, sondern nur einen Fußgängersteg gab.

Wer hierzu vertiefende Informationen beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Einladung

Das nächste Treffen der „Arbeitsgemeinschaft Poltringer Heimatgeschichte“ ist am 29.01.2019 um 20 Uhr in der Palmberghütte. Wer bei ortsgeschichtlichen Themen aktiv mitarbeiten will, ist hierzu herzlich eingeladen. Die Arbeitsgemeinschaft freut sich immer über das Beisteuern von Bildern und Geschichten.

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Römerschlacht am Pfaffenberg
Im Jahre 260 n. Chr. waren die Römer gezwungen den Limes und unsere Region aufzugeben und sich auf die Rheingrenze zurückzuziehen. Da es in der Folge aber immer wieder Angriffe auf das Reichsgebiet aus der Region gab, war man gezwungen immer wieder Straffeldzüge in das frühere römische Gebiet zu führen.
368 n. Chr., d.h. ca. 100 Jahre vor dem Ende des weströmischen Reiches 476 n. Chr., gab es den letzten Heerzug der Römer unter Kaiser Valentinian I. in das früher römische, nun alamannische Neckarland. Dieser Feldzug vom Hochrhein aus endete mit einem verlustreichen Sieg der Römer bei Solicinium hier in der Region.
Wo dies lag, ist bisher aber ungeklärt. Es gibt hierzu eine ganze Liste an Thesen. Eine, eher aber lokal-patriotisch motivierte These lokalisierte 1877 den Schlachtort auf dem Pfaffenberg bzw. Spitzberg (aus „Das Schloss Alt-Rotenburg oder die Weilerburg von Einst und Jetzt“ von Ludwig Schmidt von 1877, S. 76 bis 81) unter der Vermutung, dass Rottenburg / Sumelocenna / Sülchen = Solicinium sei.
Wahrscheinlicher ist allerdings die aktuellere These, dass der Ort bei Hechingen-Beuren zu verorten ist, wo es auch Berichte über passende Funde und Sagen gibt und die Topografie stimmig mit den historischen Berichten der Schlacht ist (aus „Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte“ 26 (113) von Dr. H.D. Lehmann von 1990, S. 14 bis 22).
Würde die These von Schmidt stimmen wäre der Hauptangriff der Römer aus südlicher Richtung von Wurmlingen und Wendelsheim aus vorgetragen worden und die alamannische flüchtende Armee dann in einen bei Poltringen liegenden römischen Hinterhalt getrieben worden. (Bildunterschrift: fiktive, eigene Darstellung)
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Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Poltringer „Religionskrieg“

Durch die Zugehörigkeit zu zwei konfessionell unterschiedlich ausgerichteten Herrschaftsbereichen (österreichisch-katholisch Hohenberg und evangelisch Württemberg) ergab sich in Poltringen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert eine spannungsgeladene Situation.

Die nachfolgende Zeittafel ist überwiegend eine vereinfachende Zusammenfassung der sehr schönen Arbeit des in Reusten lebenden emeritierten Professors Dieter Stievermann: „Grenzlagen und Konfessionskonflikte im Ammertal: Poltringen und Reusten in der Frühen Neuzeit“ in „Befreite Erinnerung Teilband 2: Region – Religion – Identität: Tübinger Wege“, S. 51-77, 2017. Wer sich detailliert mit diesem Geschichtsabschnitt befassen will, sei die Lektüre wärmstens empfohlen. Diese Zeittafel ist punktuell ergänzt mit weiteren zur Thematik passenden Daten.

  • 1535 Einführung der Reformation in Württemberg
  • 1599 Einsetzung eines ersten evang. Pfarrers in St. Stephanus durch den (evang.) späteren Bergschlossbesitzer Jakob v. Ehingen (dadurch Beschwerde über ihn beim Kaiser und wohl folgenloser Haftbefehl)
  • 1600 Aufgabe des Frauenklosters bei St. Stephanus
  • 1603 Bau des („evang.“) Bergschlosses
  • 1608 reichsgerichtliche Prozesse und Vergleich inklusive Religionsfreiheit (damals eine Besonderheit), St. Klemens wird evangelisch, St. Stephanus bleibt katholisch (Einwohner waren damals etwa zur Hälfte kath. / evang.)
  • 1618 Beginn des 30 jährigen Krieges
  • 1618 kath. Überfall auf (evang.) Bergschloss wg. “Unterdrückung katholischer Untertanen”
  • 1634 im 30 jährigen Krieg flüchtet der evang. Pfarrer, evang. Einwohner müssen gehen, sterben oder konvertieren
  • 1648 Ende des 30 jährigen Krieges
  • 1670 St. Klemens wird von Evangelischen (aus Reusten) aufgebrochen und das Pfarrhaus besetzt
  • 1677 evang. Pfarrer: “sollten Lutheraner nach Poltringen ziehen, so würde man sie gewaltig quälen und schlagen” und “in Poltringen zur Kirche zu gehen, das ist vor Gott nicht mehr zu verantworten”
  • 1680 in Poltringen 11 evang. Familie (von ca. 110)
  • 1707 wieder kath. Besetzung des Pfarrhauses
  • 1721 wieder evang. Besetzung des Pfarrhauses nach Tod des kath. Pfarrers (Leiche des Pfarrers wurde dabei Treppe hinuntergeworfen und auf Misthaufen gelegt)
  • 1722 Versuch den evang. Mesner zu erschießen
  • 1723 evang. Pfarrer traut sich nicht (mehr) zu Backofen, div. Anschläge, Drohungen, Schikanen
  • 1731 nach Tod des evang. Pfarrers militärischer Schutz von (evang.) Klemenskirche und Pfarrhaus durch württembergische Miliz
  • 1732 evang. Pfarrer lässt kath. Mesner Uhren stellen, “weil dieser tüchtiger sei”
  • 1740 Oberndorfer drohen: “entweder wir kriegen eigenen Pfarrer oder wir werden evangelisch!” (ersteres erfolgte dann erst 1791)
  • 1750 nur noch Pfarrer- und Mesnerfamilie evang.
  • 1750-53 Neubau von St. Stephanus „weil man vom Luthertum umzingelt sei“ und man „und vor Ort sogar eine lutherische Kirche und Pfarrer, mithin die Ausübung der nicht katholischen Religion gegenwärtig ist“
  • 1752 kath. Dienstbote schwängert in Reusten reiche evang. Witwe, lehnt für Heirat aber nötige Konversion ab: “auch wenn man ihm ganze Reusten schenke” (es wird daher auf generelles Verbot von Indienstnahme kath. Dienstboten durch Evangelische hingewirkt)
  • 1772 dem kath. Pfarrer wurde (nach schriftl. Bestätigung, dass es Einzelfall sei) erlaubt, eine sterbende kath. Frau in Reusten zu besuchen
  • 1790 Abriss des („evang.“) Bergschlosses
  • 1808 keine evang. Gottesdienste mehr, kurz darauf Verkauf von St. Klemens an die kath. Gemeinde (vom Erlös Bau des evang. Pfarrhauses in Reusten)

Wer hier vertiefende Informationen beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Poltringer Tracht

HWV AG - Poltringer TrachtÜber die örtlich übliche traditionelle Tracht gibt es bisher nur einen Bericht aus der „Beschreibung des Oberamts Herrenberg/Kapitel A 3“ von 1855.

„Die altübliche ländliche Tracht, welche der städtischen, namentlich in der Oberamtsstadt und in den Orten Entringen, Gültstein, Poltringen und Unter-Jesingen, immer mehr zu weichen beginnt, in den übrigen Orten aber sich noch ziemlich erhalten hat, besteht bei den Männern meist in einem blauen tuchenen, nicht selten roth ausgeschlagenen Rock (zuweilen auch im Zwilchkittel) mit großen, platten, übereinander greifenden Metallknöpfen, gelben Lederhosen, Brusttüchern (Weste) von Scharlachtuch oder schwarzem, auch braunem Manchester mit großen Rollknöpfen enge besetzt; als Kopfbedeckung dient der Dreispitz-Hut, bei den ledigen Burschen aber nicht selten die pelzverbrämte Mütze mit goldener Trottel. In Breitenholz und zuweilen auch in einigen andern Orten tragen ältere Männer noch die silberne Hemdschnalle und zwei silberne Hemdknöpfe. Bei Leichenbegängnissen und bei dem heiligen Abendmahl erscheinen ältere Männer zuweilen noch nach älterer Sitte im schwarzen Mantel.

Bei dem weiblichen Geschlecht ist das gut kleidende, niedere deutsche Häubchen, wie der viel gefältelte, dunkelfarbige Wiefling- oder Tuchrock, und der ebenfalls dunkle Kittel noch ziemlich allgemein; eine Ausnahme machen die katholischen Orte Oberndorf, Poltringen und theilweise Altingen, wo sich die weiblichen Personen meist buntfarbig kleiden und häufig Hauben mit gestickten Böden tragen. In Oberndorf trifft man bei den Mädchen noch das grüne oder schwarze Mieder von Manchester, und in Gärtringen, Nufringen und Poltringen tragen die Weiber sogenannte Marlinhauben.“

Eine Darstellung der Tracht gibt es in folgender Form (siehe Bild, Bildbeschreibung: Poltringer Trachtenpuppen, entstanden ca. 1980, weibliche Feiertags- und Werktagstracht, männliche Feiertagstracht, Privatbesitz Familie Marlene und Melchior Hartmann, Poltringen, eigene Aufnahme )

Nach dem Vorbild der Frauentracht ist auch die Kleidung der 1995 eingeführten Fasnetsfigur des „Mostweible“ des Poltringer Fasnets-Club gestaltet. Ein Mostweible tritt in der Sonn- und Feiertagstracht auf, alle anderen tragen die Werktags- bzw. Arbeitstracht.

Wer hierzu vertiefende Informationen oder Bilder der Tracht beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Gässle-Brünnele-Kanal

Wer weiß etwas zu diesem historischen Kanal oder dessen Quellort?

HWV AG - Gässle-Brünnele-KanalAm Aischbach (-graben) direkt am Feldweg Richtung Oberndorf („Gässle“) gibt es einen Brunnen, der „(Gässle-) Brünnele“ genannt wird. Dieser ist erstmal schriftlich auf S. 17 des „Heimatbuch der Gemeinde Poltringen“ von 1971 erwähnt:

„…Der Aischbachgraben ist der Abzugsgraben dieses Eschteils, der bis zurück in den Aischwinkel reicht und im sogenannten Gäßle – Vic. Weg 8/1 – durch eine immerfließende Quelle besten Trinkwassers verstärkt wird.“

Es wird zudem berichtet, dass es wohl früher ein sog. „Kleines Brünnele“ (heutiger Brunnen) und ein „Großes Brünnele“ (etwas talabwärts, direkt dort wo geteerter Weg Richtung Berg nach Süden abzweigt und dann rechts in Winkel zwischen den zwei Wegen) gab? (Hat hierzu jemand Bilder oder Karten?)

Entdeckung historischer Kanal:

Da der Brunnen in der 1990er Jahren versiegte oder schwächer floss, wurde der Verlauf der Wasserröhre von Poltringer Einwohnern aufgegraben um das Leck zu finden (und dann mit Kanaldeckelversehen). Dabei stieß man überraschenderweise nach ca. 20 Metern auf einen fast rechtwinklig parallel zum Aischbach (-graben) verlaufenden steingemauerten nach allen Seiten geschlossenen Kanal, aus dem sich die Brunnenröhre speiste.

Dieser Kanal war bis dahin weder den Einwohnern bekannt, noch findet er sich auf irgendeiner (historischen) Karte. Da damals nur der Zusammenfluss von Kanal und Röhre aufgegraben wurde, ist der weitere Verlauf Richtung Quelltopf (Richtung Oberndorfer Wald oder Heidenwald?) oder der weitere Verlauf Richtung Ammertal unbekannt. (Weiß dazu jemand etwas?)

Alter des Kanals:

Eine Anfrage anhand der Bilder an das Landesdenkmalamt Tübingen 2018 ergab Folgendes:

Datierung: Soweit sich das nach den beigefügten Fotos beurteilen lässt, ist eine römische Zeitstellung unwahrscheinlich. Art und Weise der Steinsetzung spricht für eine Entstehungszeit frühestens im (ausgehenden) Mittelalter, eher aber in der Neuzeit (also nach 1500). Eine nähere zeitliche Eingrenzung ist aber wg. der doch nicht besonders guten Qualität der Fotografien nicht möglich. Funktion: Auch wenn Poltringen früher deutlich kleiner war als heute, so darf man den Wasserbedarf einer ganzen Gemeinde nicht unterschätzen – immerhin mussten Mensch und Tier mit Trinkwasser versorgt werden. In vielen Fällen reichte das Wasser eines durch den Ort fließenden Bachs (oder mehrerer, wie im Fall Poltringen) irgendwann nicht mehr aus, um den gesamten Bedarf zu decken. Ich gehe daher davon aus, dass man (wann auch immer) das Wasser aus der Quelle im Wald in Richtung Dorf leitete. Auf einem der Fotos sieht es so aus, als ob der Boden des Kanals versintert sei – d. h. als ob das Wasser hier über längere Zeit offen durchgeleitet wurde. Dennoch ist es nicht auszuschließen, dass das Wasser durch hölzerne Deicheln (die seitlich und nach oben durch Steine geschützt waren) geleitet wurde.

Weiteres Vorgehen:

Im Herbst 2018 wurde der Kanal nochmals von Armin Haar ausgegraben (Bild unten; Privatbesitz: Boris Dieter), vom Landesdenkmalamt dokumentiert, eingemessen und wieder verfüllt.

Mit folgenden Methoden könnte der Kanalverlauf und der Quellort eventuell gefunden werden:

  • Wasseruntersuchung: dies wurde angestoßen; aus der Wasserqualität könnten dann Rückschlüsse auf den geologischen Quellort gezogen werden
  • Kanalsondierung: dies ist angedacht; durch ein Rohrreinigungsunternehmen könnten durch eine Kanalsondierung Erkenntnisse über den weiteren Verlauf des Kanals gewonnen werden
  • „elektromagnetische“ Sondenmessung: dies ist angedacht; durch eine oberirdische Sondenmessung könnte der Verlauf des Kanals ggf. bis zur Quelle verfolgt werden, hierfür fehlt allerdings derzeit der Zugriff auf entsprechende Geräte oder Experten (Hat hier jemand Kontakte?)

Offene Fragen:

Wo liegt die Quelle, die diesen Kanal speist? Wie ist der weitere Verlauf des Kanals ober- und unterhalb der „Brünnele“-Abzweigung? Welchen Zweck oder Ziel hatte der Kanal? Warum hat man vor mehreren hundert Jahren sich so große Mühe gemacht parallel neben einem Bachlauf einen aufwändigen und teuren Kanal zu bauen? Wer war Erbauer / Auftraggeber?

Da der Kanalverlauf und der Quellort daher immer noch im Dunkeln liegen, brauchen wir Ihre Hilfe. Wer hierzu mit vertiefenden Informationen, Karten oder Bilder unterstützen kann, sollte sich bitte bei unserer AG (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de), bei Armin Haar (07073-73 18) oder Boris Dieter (07073-300 769) melden. Zu der Suche gibt es eine bebilderte zehnseitige Dokumentation, die gerne angefordert werden kann.

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Beschreibung Poltringens in der Herrenberger Oberamtsbeschreibung von 1855 (Teil 2 von 2)

„Das Klima ist gesund und ziemlich mild, übrigens für den Weinbau etwas zu rauh, daher dieser immer mehr abnimmt, indem Fröste im Frühjahr und Herbst, wie auch schädliche Nebel demselben entgegen wirken; auch die feineren Obstsorten wollen nicht gedeihen, daher meist nur Mostsorten und Zwetschgen gezogen werden und zwar in einer Ausdehnung, die in günstigen Jahren noch einen Verkauf nach Außen zuläßt. Hagelschlag kommt selten vor. Die Landwirthschaft wird gut betrieben und zur Besserung des Bodens kommt neben den gewöhnlichen Düngungsmitteln die Jauche sehr fleißig in Anwendung; der deutsche Pflug ist noch ziemlich allgemein und die Walze wird selten benützt. Nach der Dreifelder-Eintheilung mit zu 1/4 angeblümter Brache baut man hauptsächlich Dinkel, Hafer, weniger Gerste und auf mageren Böden Einkorn und etwas Wicken; in der Brache kommen Futterkräuter, namentlich Esper, wenig Angersen und Reps zum Anbau, während die Kartoffeln im Haferfeld gezogen werden. Hanf und Kraut pflanzt man in eigenen Ländern. Auf den Morgen werden 8 Simri Dinkel, 4 Simri Hafer, ebensoviel Gerste und Einkorn ausgesäet; der Ertrag wird zu 7–8 Scheffel Dinkel, 5–6 Scheffel Hafer, eben so viel Gerste und 5 Scheffel Einkorn per Morgen angegeben. Dinkel und Hafer kommt viel nach Tübingen zum Verkauf. Die höchsten Preise eines Morgens Acker sind 400 fl., die mittleren 200 fl. und die geringsten 50 fl. Der Wiesenbau begreift etwa 100 Morgen, von denen nur 10 Morgen Wässerung zukommt. Da diese Fläche im Verhältniß zu dem vorhandenen Viehstand zu gering ist, so waren die Einwohner von Poltringen genöthigt, auf der Markung Pfäffingen Wiesen anzukaufen und überdieß durch fleißigen Anbau von Futterkräutern nachzuhelfen. Die Wiesen sind mit Ausnahme einiger sauern sehr gut und ertragen durchschnittlich per Morgen 30–32 Centner Heu und 15 Centner Öhmd. Die Preise eines Morgens bewegen sich von 400–500 fl.

Der Rindviehstand, in einem kräftigen Neckarschlag bestehend, ist gut und wird durch zwei Farren, welche ein Bürger Namens der Gemeinde um jährlich 60 fl. und der Nutznießung von zwei Morgen Wiesen hält, nachgezüchtet. Von den Einwohnern wird auf benachbarten Märkten ziemlich lebhaft mit Vieh gehandelt. Schweinezucht wird nicht betrieben und Geflügel nur für den eigenen Bedarf gehalten. Von den Gewerben im Dorf sind nur zwei Schildwirthschaften und zwei Kramläden zu nennen. Vicinalstraßen gehen nach Oberndorf, Reusten und Unter-Jesingen.

An Waldungen erhielt die Gemeinde vom Staat im Jahre 1820 für eine Schönbuchsgerechtigkeit 88 Morgen, von denen 1/3 mit Forchen kultivirt wurde; dermalen liefern dieselben alle 2–3 Jahre etwa 2700 Stücke Wellen oder 4–6 Klafter Holz, welche an die Bürgerschaft vertheilt werden. Überdieß besitzen noch 2/3 der Gemeindeangehörigen etwa 80 Morgen Privatwaldungen, so daß einem Bürger 1/4–2 Morgen zukommen. Etwa 60–70 Morgen Weiden, welche nebst der Brach- und Stoppelweide zur Schäferei verpachtet sind, tragen jährlich mit Einschluß der Pferchnutzung gegen 800 fl., wovon die Gemeinde 7/9, die übrigen 2/9 aber die Gutsherrschaft bezieht. Die Gemeindepflege erzielt überdieß aus Gemeindegütern jährlich etwa 110 fl. Pacht. Bis zur Ablösung hatte die freiherrlich v. Ulm’sche Grundherrschaft und der Staat Gefälle zu beziehen. Letzterer bezog den großen Zehenten; den kleinen Zehenten hatte derselbe abwechslungsweise mit der Pfarrei. Auf den Schloßäckern, einer Anhöhe nördlich vom Ort, von der man eine äußerst freundliche Aussicht genießt, stand die Burg Ober-Poltringen, die vor etwa 70 Jahren vollends abgetragen wurde. Nördlich dieser Stelle auf den sogenannten Steinäckern, auch Enderleshaus genannt, finden sich Spuren eines römischen Wohnplatzes (s. hier den allg. Theil).

Der Ort, welcher als Boltringen im Jahre 1191 erstmals vorkommt, auch Oberkirch hieß (Oberkirch sive Poltringen Urk. von 1299 Juni 22, Schmid 56), gehörte den Pfalzgrafen von Tübingen und hatte der Hauptsache nach gleiche Schicksale mit Oberndorf. Von hiesigen Ortsadeligen erscheinen Heinrich Zeuge Pfalzgraf Rudolfs von Tübingen bei der Stiftung des Klosters Bebenhausen den 30. Juli 1191 (Schmid Urk. 7), Wolpot und Conrad als Zeugen Pfalzgraf Wilhelms von Tübingen den 9. Juni 1236. Eine hiesige Burg wurde um Jacobi 1283, in Zeiten als König Rudolf den Landfrieden gebot, gebrochen (Chronicon Sindelfingense). Später wurden zwei Burgen neu errichtet.“

Auslassung zu herrschaftlicher Besitzhistorie –
Der vollständige Text ist hier zu finden: https://de.wikisource.org/wiki/Beschreibung_des_Oberamts_Herrenberg/Kapitel_B_22

Wer hierzu vertiefende Informationen beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Poltringer Heimatgeschichte – Einladung

Das nächste Treffen der „Arbeitsgemeinschaft Poltringer Heimatgeschichte“ ist am 27.11.2018 um 20 Uhr in der Palmberghütte. Wer bei ortsgeschichtlichen Themen aktiv mitarbeiten will, ist hierzu herzlich eingeladen. Die Arbeitsgemeinschaft freut sich immer über das Beisteuern von Bildern und Geschichten.

Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Beschreibung Poltringens in der Herrenberger Oberamtsbeschreibung von 1855 (Teil 1 von 2)
„Kapitel B 22 „Poltringen“: Gemeinde III. Klasse mit 643 Kath. und 7 Evangel. Einwohnern. – Kath Pfarrei. Die Evangel. sind nach Reusten eingepfarrt.

Das Dorf Poltringen, mit einem dem Freiherrn von Ulm gehörigen Schloß, hat eine angenehme, gegen Norden geschützte Lage in dem schmalen Ammerthale, welches sich unterhalb (östlich) des Dorfs zu einem üppigen Wiesengrunde erweitert, an den sich fruchtreiche, ganz leicht ansteigende Ackergelände anlehnen, während zunächst des Orts die Muschelkalkthalwände noch ziemlich stark ausgesprochen sind. Durch das Dorf fließt die zu einem Flüßchen herangewachsene, muntere Ammer, welche am östlichen Ende des Orts eine Säge-, Öl- und Gyps-Mühle und in der Nähe des Schlosses eine dem Freiherrn von Ulm gehörige Mühle mit drei Mahlgängen und einem Gerbgang in Bewegung setzt. Über das Flüßchen führt innerhalb des Dorfes eine hölzerne – und außerhalb desselben eine steinerne Brücke.

Das 21/2 Stunden südöstlich von Herrenberg und zwei Stunden westlich von Tübingen gelegene Dorf gehört zu den mittelgroßen des Bezirks und besteht bei einer ziemlich unregelmäßigen Anlage meist aus einfachen – zum Theil Armuth verrathenden Wohnungen; die Ortsstraßen, denen übrigens die Kandelung noch abgeht, befinden sich in ziemlich gutem Zustande.

Auslassung zu Pfarrkirche zum hl. Stephan und Kirche zum hl. Clemens –

In der Nähe der Clemenskirche ist frei und angenehm gelegen das Pfarrhaus, dessen Unterhaltung dem Freiherrn von Ulm obliegt. Das in den 1780ger Jahren erbaute Rathhaus, in welchem auch die Schulzimmer eingerichtet sind, steht an der Hauptstraße im südlichen Theil des Orts. Für den Lehrer an der Volksschule, neben welcher seit einem Jahrzehent noch eine Industrie-Anstalt besteht, ließ die Gemeinde im Jahr 1838 zunächst des Pfarrhauses eine eigene Wohnung herstellen.

Auslassung zu Schloss Poltringen –

Der Ort ist mit sehr gutem Trinkwasser, welches zwei laufende und zwei Schöpfbrunnen liefern, das ganze Jahr hindurch hinreichend versehen; periodisch fließende Quellen (Hungerbrunnen) befinden sich in der Leimengruben und im Kornberg. Etwa 1/4 Stunde nördlich vom Ort in der Nähe des Roßbergs besteht ein See, der übrigens häufig trocken liegt.

Die Einwohner, deren Hauptnahrungsquellen in Feldbau und Viehzucht bestehen, sind im Durchschnitt gut gewachsene, sehr fleißige, ruhige Leute, die sich übrigens in sehr mittelmäßigen Vermögensumständen befinden, wie denn der Begütertste nur 20 Morgen Felder besitzt. Die Zahl der Unbemittelten, denen leider Gelegenheit zum Verdienst mangelt, hat namentlich in Folge der Abnahme der früher stark getriebenen Flachsspinnerei sehr zugenommen. Die Ortsmarkung, von der die Gutherrschaft 1/3 besitzt, wogegen die Poltringer sich auf der Markung von Entringen, mit etwa 70 Morgen angekauft haben, ist nicht groß und hat im Allgemeinen einen mittelfruchtbaren Boden; er besteht theils aus Lehm mit einem die Feuchtigkeit nicht durchlassenden Untergrund, theils aus schwerem Thonboden und aus mageren Mergeln und Sandsteinplättchen der Lettenkohlengruppe. Wegen des häufigen, thonigen Untergrundes ist der Ertrag der Felder in nassen Jahrgängen geringer als in trockenen. Die besten Güter liegen in Engwiesen, Gairen, auf dem Aischbach, im oberen Feld, in Malmen etc.“

Teil 2 des historischen Textes folgt in der nächsten Ausgabe.

Der vollständige Text ist hier zu finden: https://de.wikisource.org/wiki/Beschreibung_des_Oberamts_Herrenberg/Kapitel_B_22

Wer hierzu vertiefende Informationen beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

Poltringer Heimatgeschichte

Ein Heuwagen von 1940
Ein tolles Fundstück aus der Poltringer Schlossscheuer.
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Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Fliegerangriff
Im 2. Weltkrieg gab es in Poltringen selbst nur 2 Todesfälle durch einen Fliegerangriff. Dieser fand Anfang / Mitte April 1945 kurz vor dem Einmarsch der Franzosen am 19.04.1945 durch eine Militärmaschine im Tiefflug statt.
„Das war für mich als Kind, Geburtsjahrgang 1937, ein sehr tragisches Ereignis. Ich wohnte damals mit meiner Mutter ganz nahe am Ort des Geschehens, in der Hauptstraße 28. Mein Vater war im Krieg. Es gab den von uns allen sehr gefürchteten Fliegeralarm. Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie ein feindlicher Flieger ganz tief flog und im nächsten Moment ging auch schon die Schießerei los.

Was war geschehen? Ein Auto mit zwei hochkarätigen NS-Funktionären im Fond und einem französischen kriegsgefangenen Fahrer sollte von Tübingen nach Herrenberg fahren. Gegenüber des Anwesens der Bäckerei Euper stand früher das Rathaus und noch ein Privathaus. Die Straße war sehr eng dort.

Der damalige Bürgermeister Josef Schmid stoppte dort das Fahrzeug und sagte, dass bei Fliegeralarm das Weiterfahren verboten sei. Nach wenigen Minuten gaben die Insassen dem Fahrer jedoch den Befehl, weiterzufahren. Sie kamen nicht weit, nur bis zum Gebäude Wagner (früher Gemischtwarenhandlung)  Dort wurde das Feuer eröffnet. Die beiden Männer im Auto wurden schwer getroffen.

Einer der Männer stieg noch aus dem Auto, nach wenigen Metern ist er  jedoch tot zusammengebrochen. Der 2. Mann starb auf dem Rücksitz des Autos und genau unter dem dort auf einer kleinen Mauer stehenden Steinkreuz. Hinter dieses Kreuz hatte sich ein Fußgänger, ein junger Mann aus Litauen, in seiner Todesangst geflüchtet und blieb unverletzt. Auch der Fahrer des Autos blieb unverletzt.
Es war wohl in Poltringen bekannt, dass der Mann, welcher direkt unter dem Kreuz starb, mit dabei gewesen sein soll, als Bischof Sproll  von den Nazis aus seinem Rottenburger Sitz gefangengenommen wurde, um ins Konzentrationslager interniert zu werden. Es war bekannt, dass dies eine ganz üble und beschämende Aktion der Nazis war, bei der u. a. auch mit faulen Eiern geworfen wurde.“
Aufgezeichnet von  Hanne Baur geb. Vogelmann, damals wohnhaft Poltringen, Hauptstraße 28

Wer hierzu vertiefende Informationen beitragen kann (z.B. Bilder /  Beschreibungen / Namen der Opfer kennt?) oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter