Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – „Dr. Dr. August Hagen – Pfarrer, Kirchenrechtler, Generalvikar und `Aufrührer´“

Bild von August Hagen aus Personalakte des Diözesanarchives Rottenburg, ca. Ende der 1940er Jahre

Der als Sohn eines Bauern und Webers 1889 in Spaichingen geborene und 1963 dort gestorbene Dr. sc. pol. Dr. theol. August Hagen, der 1928-1936 Pfarrer in Poltringen war, galt in NS-Kreisen als Aufrührer, der es der Partei schwer machte im Ort Fuß zu fassen. Dies zeigte sich auch in den Wahlergebnissen, die für die NSDAP in Poltringen im regionalen Vergleich immer unterdurchschnittlich waren.

Nach Schule in Spaichingen und Rottenburg und Studium in Tübingen sowie Promotion in Staatswissenschaften und Theologie, wurde August Hagen neben seiner (ersten) Pfarrstelle in Poltringen 1930 Privatdozent an der Universität Tübingen und 1935 Professor des Kirchenrechts an der Universität Würzburg. 1947 kehrte er als Domkapitular bzw. später Generalvikar (Leiter der Diözesanverwaltung) in die Diözese Rottenburg zurück, nachdem er in kurzer Folge bei einem Bombenangriff zum Kriegsende sein komplettes Habe und schriftliche Dokumente verloren hatte (ggf. bei dem Großangriff auf Würzburg vom 16.03.1945, bei dem 90% der historischen Altstadt zerstört wurden und 4-5000 Menschen starben) und kurz später seine Schwester starb, die ihm bisher den Haushalt führte. Aus Zuneigung schenkte ihm darauf, aufgrund des Verlustes seiner materiellen Besitztümer, ein Bürger aus Poltringen sogar seinen schwarzen Hochzeitsanzug, da August Hagen nur noch die Kleider auf dem Leib besaß.

August Hagen hatte fünf Geschwister, die alle unverheiratet blieben und von denen zwei in einen Orden eintraten. Er selbst war in Poltringen ein hingebungsvoller und überaus aktiver Ortspfarrer, der sich sehr um die Erhaltung kirchlicher Gebäude trotz geringer finanzieller Mittel kümmerte. Er schuf z.B. einen Spielplatz für den Kindergarten, hielt Vorträge, organisierte, dass die Umgebung der Klemens-Kirche bepflanzt sowie wieder ansehlich gestaltet wurde und ließ Kochkurse abhalten. Nicht zu seinen Talenten gehörte, neben dem Gesang wie der damalige Kirchenchor feststellte, allerdings wohl das Autofahren, das er in seiner Poltringer Zeit erlernte. Denn man erzählte sich augenzwinkernd, dass sein Auto beim Anfahren oft eigentümliche Sprünge ausführte und eine Kuh in einem Nachbardorf von ihm ihr Geschirr abgefahren bekam. Auch eine glimpflich verlaufene Karambolage in Ehingen ist verbürgt.

Er machte schon früh öffentlich und in der Seelsorge aus seiner ablehnenden Haltung gegenüber der kirchenfeindlichen NS-Ideologie keinen Hehl und predigte auch in diesem Sinne. Dies führte dann Ende 1933 zu einem Besuch der SS und einem Streitgespräch bezüglich der Abonnierung des gleichgeschalteten “Neuen Tübinger Tagblattes”. Da er diese ablehnte, wurde er als “verdächtig” notiert und bei der Politischen Polizei (später Gestapo) angezeigt. Man vermutete ihn dann schon „auf dem Heuberg“ (das früheste Konzentrations-/“Schutz“haftlager im Raum Württemberg/Baden von März bis Dezember 1933) und glaubte, dass er nun auf der „Liste“ der neuen Machthaber sei, da hunderte deutsche, meist kath. Pfarrer, in Lagern verschwanden. Die darauffolgende Einbestellung beim Landrat und dem Kreisleiter der Partei konnte er aber dann argumentativ für sich entscheiden und ging einige Monate später nach Würzburg um dort seine neue Stelle anzutreten.

Für seine Verdienste erhielt er vom Papst 1952 den Ehrentitel “Apostolischen Protonotar” und 1959 das Bundesverdienstkreuz.

Weitere Informationen zu seiner Person finden sich in seiner Personalakte im Diözesanarchiv (Akte G 1.7.1. Nr. 2663), im kath. „Sonntagsblatt“ Nr. 9, Seite 8-10 vom 03.03.1963 und unter: http://www.se-am-dreifaltigkeitsberg.de/spaichingen/geschichte/generalvikar-august-hagen/

Wer hierzu vertiefende Informationen beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Ortsgeschichte“, Boris Dieter

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