Funde aus der Poltringer Ortsgeschichte – Beschreibung Poltringens in der Herrenberger Oberamtsbeschreibung von 1855 (Teil 2 von 2)

„Das Klima ist gesund und ziemlich mild, übrigens für den Weinbau etwas zu rauh, daher dieser immer mehr abnimmt, indem Fröste im Frühjahr und Herbst, wie auch schädliche Nebel demselben entgegen wirken; auch die feineren Obstsorten wollen nicht gedeihen, daher meist nur Mostsorten und Zwetschgen gezogen werden und zwar in einer Ausdehnung, die in günstigen Jahren noch einen Verkauf nach Außen zuläßt. Hagelschlag kommt selten vor. Die Landwirthschaft wird gut betrieben und zur Besserung des Bodens kommt neben den gewöhnlichen Düngungsmitteln die Jauche sehr fleißig in Anwendung; der deutsche Pflug ist noch ziemlich allgemein und die Walze wird selten benützt. Nach der Dreifelder-Eintheilung mit zu 1/4 angeblümter Brache baut man hauptsächlich Dinkel, Hafer, weniger Gerste und auf mageren Böden Einkorn und etwas Wicken; in der Brache kommen Futterkräuter, namentlich Esper, wenig Angersen und Reps zum Anbau, während die Kartoffeln im Haferfeld gezogen werden. Hanf und Kraut pflanzt man in eigenen Ländern. Auf den Morgen werden 8 Simri Dinkel, 4 Simri Hafer, ebensoviel Gerste und Einkorn ausgesäet; der Ertrag wird zu 7–8 Scheffel Dinkel, 5–6 Scheffel Hafer, eben so viel Gerste und 5 Scheffel Einkorn per Morgen angegeben. Dinkel und Hafer kommt viel nach Tübingen zum Verkauf. Die höchsten Preise eines Morgens Acker sind 400 fl., die mittleren 200 fl. und die geringsten 50 fl. Der Wiesenbau begreift etwa 100 Morgen, von denen nur 10 Morgen Wässerung zukommt. Da diese Fläche im Verhältniß zu dem vorhandenen Viehstand zu gering ist, so waren die Einwohner von Poltringen genöthigt, auf der Markung Pfäffingen Wiesen anzukaufen und überdieß durch fleißigen Anbau von Futterkräutern nachzuhelfen. Die Wiesen sind mit Ausnahme einiger sauern sehr gut und ertragen durchschnittlich per Morgen 30–32 Centner Heu und 15 Centner Öhmd. Die Preise eines Morgens bewegen sich von 400–500 fl.

Der Rindviehstand, in einem kräftigen Neckarschlag bestehend, ist gut und wird durch zwei Farren, welche ein Bürger Namens der Gemeinde um jährlich 60 fl. und der Nutznießung von zwei Morgen Wiesen hält, nachgezüchtet. Von den Einwohnern wird auf benachbarten Märkten ziemlich lebhaft mit Vieh gehandelt. Schweinezucht wird nicht betrieben und Geflügel nur für den eigenen Bedarf gehalten. Von den Gewerben im Dorf sind nur zwei Schildwirthschaften und zwei Kramläden zu nennen. Vicinalstraßen gehen nach Oberndorf, Reusten und Unter-Jesingen.

An Waldungen erhielt die Gemeinde vom Staat im Jahre 1820 für eine Schönbuchsgerechtigkeit 88 Morgen, von denen 1/3 mit Forchen kultivirt wurde; dermalen liefern dieselben alle 2–3 Jahre etwa 2700 Stücke Wellen oder 4–6 Klafter Holz, welche an die Bürgerschaft vertheilt werden. Überdieß besitzen noch 2/3 der Gemeindeangehörigen etwa 80 Morgen Privatwaldungen, so daß einem Bürger 1/4–2 Morgen zukommen. Etwa 60–70 Morgen Weiden, welche nebst der Brach- und Stoppelweide zur Schäferei verpachtet sind, tragen jährlich mit Einschluß der Pferchnutzung gegen 800 fl., wovon die Gemeinde 7/9, die übrigen 2/9 aber die Gutsherrschaft bezieht. Die Gemeindepflege erzielt überdieß aus Gemeindegütern jährlich etwa 110 fl. Pacht. Bis zur Ablösung hatte die freiherrlich v. Ulm’sche Grundherrschaft und der Staat Gefälle zu beziehen. Letzterer bezog den großen Zehenten; den kleinen Zehenten hatte derselbe abwechslungsweise mit der Pfarrei. Auf den Schloßäckern, einer Anhöhe nördlich vom Ort, von der man eine äußerst freundliche Aussicht genießt, stand die Burg Ober-Poltringen, die vor etwa 70 Jahren vollends abgetragen wurde. Nördlich dieser Stelle auf den sogenannten Steinäckern, auch Enderleshaus genannt, finden sich Spuren eines römischen Wohnplatzes (s. hier den allg. Theil).

Der Ort, welcher als Boltringen im Jahre 1191 erstmals vorkommt, auch Oberkirch hieß (Oberkirch sive Poltringen Urk. von 1299 Juni 22, Schmid 56), gehörte den Pfalzgrafen von Tübingen und hatte der Hauptsache nach gleiche Schicksale mit Oberndorf. Von hiesigen Ortsadeligen erscheinen Heinrich Zeuge Pfalzgraf Rudolfs von Tübingen bei der Stiftung des Klosters Bebenhausen den 30. Juli 1191 (Schmid Urk. 7), Wolpot und Conrad als Zeugen Pfalzgraf Wilhelms von Tübingen den 9. Juni 1236. Eine hiesige Burg wurde um Jacobi 1283, in Zeiten als König Rudolf den Landfrieden gebot, gebrochen (Chronicon Sindelfingense). Später wurden zwei Burgen neu errichtet.“

Auslassung zu herrschaftlicher Besitzhistorie -
Der vollständige Text ist hier zu finden: https://de.wikisource.org/wiki/Beschreibung_des_Oberamts_Herrenberg/Kapitel_B_22

Wer hierzu vertiefende Informationen beitragen kann oder andere Geschichten als „Fundstücke“ beitragen möchte, kann sich gerne bei unserer AG melden (heimatgeschichte@hwv-ammerbuch.de).

Für die AG „Poltringer Heimatgeschichte“, Boris Dieter

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